Sonntag, 6. April 2014

[Vorschau] Dear sister: Winter und Eliza

Wieder eine kleine Vorschau für euch.



Ich hielt nun den Brief vor meine eigene Nase und begann daran zu schnuppern. Er roch nicht anders als jedes normale Papier. Ungeduldig riss ich den Umschlag auf, während ich die Tür hinter mir mit dem Fuß zu kickte. Sie fiel mit einem Knall ins Schloss.
Im nächsten Augenblick stolperte ich über meine eigenen Füße, als ich die Handschrift des Absenders erkannte: Eliza. Eindeutig und ohne Zweifel.
Sie hatte Monate gebraucht, bis ihre Schrift aussah, als stamme sie aus einem anderen Jahrhundert. Niemand schrieb die Buchstaben mit ihrem Schwung und den vielen kleinen Schnörkeln.
Verstohlen blickte ich mich im Flur um. Aus der Küche war das geschäftige Treiben unserer Mutter zu hören, die das Essen zubereitete. Unser Vater war noch auf der Arbeit und würde erst in einer Stunde nach Hause kommen. Schnell streifte ich mir die Schuhe von den Füßen und schlich vorsichtig, wie auf Samtpfoten, in das obere Stockwerk. Ich schloss meine Zimmertür so leise wie möglich und verkroch mich auf mein Bett, direkt neben dem Fenster.


Liebes Schwesterchen,

seit Wochen habe ich mir vorgenommen dir endlich zu schreiben, doch mal war zu viel los, ein anderes Mal hatte ich kein Papier, das nächste Mal fehlte mir der Stift oder ich verlor den Mut, weil schon so viel Zeit vergangen war.
Ich weiß, du musst mich für einen schrecklichen Menschen halten, weil ich einfach wortlos verschwunden bin. Aber mir hat sich eine Chance geboten, die ich mir unmöglich entgehen lassen konnte. Ich wollte das Leben mit all seinen Facetten und Farben spüren.
Doch das Leben ist nur halb so toll, wie ich es mir erträumt habe. Es gibt zu viele Schattenseiten. Doch am meisten fehlst du mir, Winter.

Mach dir keine Sorgen um mich. Unkraut vergeht nicht.

In Liebe,
Eliza

P.S.: Zeig den Brief nicht unseren Eltern. Sie würden es nicht verstehen.

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